Freiwillig mehr tun für den Edersee

Scheid: Neue Kläranlage mit nicht vorgeschriebener vierter Reinigungsstufe

Das Herzstück der Kläranlage: Die Halle mit den „SBR-Bioreaktoren“, in denen Mikroben bald das Abwasser reinigen.

Waldeck Das zuständige Team der Stadt hat alles vorbereitet für den Einzug einer Abermilliarden zählenden Kolonne. Sie verrichtet im wahrsten Sinne des Wortes die „Drecksarbeit“ in der neuen Kläranlage auf Scheid: Die Bakterien, die das Abwasser klären, bevor es in den Edersee fließt. „Sie kommen nächste Woche an. Bis sie sich eingelebt haben, wird es vier bis acht Wochen dauern“, sagte Professor Dr. Günther Müller-Czygan Dienstagnachmittag am grünen Gebäude oberhalb der Liegewiese, das nicht zu übersehen ist. Der Planer von der Universität Hof hat die Anlage mit der spezialisierten Ausstattungs-Firma HST aus Meschede konzipiert. Er führte Mitglieder von Niederwerber Ortsbeirat, Waldecker Magistrat und Stadtverordnetenversammlung durch den Bau, erläuterte das Verfahren, die Technik und die weiteren Schritte nach der Inbetriebnahme.

Denn die Stadt Waldeck beschränkt sich nicht auf die gesetzlich vorgeschriebenen drei Klärstufen, sondern setzt freiwillig eine vierte Stufe oben auf. Sie will die Belastungen des Abwassers weiter reduzieren, bevor es in den Edersee gelangt. Diese vierte Stufe soll Keime, gegen die Antibiotika vielfach nicht mehr wirken, sowie Mikroplastik, Medikamentenrückstände und ähnliche Chemikalien unschädlich machen, die negativ aufs Hormonsystem von Mensch und Tier wirken.

„Wir installieren einen Versuchscontainer, mit dem wir verschiedene Methoden für diese vierte Stufe testen“, erklärte Müller-Czygan. Vier Verfahren stehen zur Verfügung. Eines davon – die Zugabe von Ozon – scheidet jedoch wegen der zu hohen Kosten von vornherein aus. Zur Auswahl verbleiben das Bestrahlen des Abwassers mit UV-Sonnenlicht, der Einsatz von Filtermembranen und die Verwendung von Aktivkohlefiltern. Während Membranen wie ein extrem feines Netz rein mechanisch die Schadstoffe zurückhalten, greifen in Aktivkohlefiltern physikalische Prozesse. Schadstoffe bleiben an der Aktivkohle haften, die regelmäßig entsorgt werden muss.

Unabhängig von der Methode gilt: „Die vierte Stufe braucht viel Energie“, schilderte der Wissenschaftler der Uni Hof. Photovoltaik soll diese Energie liefern und eine Software die Anlage derart steuern, dass ihr Bedarf so exakt wie möglich auf ihre tatsächliche Arbeitsbelastung angepasst ist.

Denn diese Belastung schwankt im Jahresverlauf sehr stark, was laut Müller-Czygan eine der Herausforderungen bei der Planung darstellte. Während im Winter wenige Hundert Einwohner auf Scheid ihre Abwässer in die Kläranlage leiten, müssen deren Mikroben zur Sommersaison die Hinterlassenschaften von bis zu 3500 Menschen abbauen. Die nötige Flexibilität wird durch eine Kläranlagenvariante garantiert, die im Landkreis erstmals in Diemelsee-Heringhausen gebaut wurde. „Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz bei der Steuerung lässt sich sicher noch etwas mehr Leistung herauskitzeln, falls die Belastung in Zukunft steigen sollte“, meint Müller-Czygan.

Kaum zu fassen bei der Größe des Gebäudes: Der nach Diemelseer Vorbild gewählte Kläranlagentyp machte es laut Planer erst möglich, die Ausmaße des Projekts zu schrumpfen. Eine herkömmliche Anlage hätte man doppelt so groß anlegen müssen, weil sie nicht so flexibel steuerbar wäre.

Ortsvorsteher Marco Drebes blickte mit Humor und Zuversicht auf das grün gestrichene, neue Wahrzeichen der Halbinsel: „Ein beeindruckendes Gebäude, ein Riesenteil, auf das man vom See her sofort schaut.“ Er hoffe, dass die Anlage durch Begrünung in Zukunft noch ein wenig optisch verdeckt werde, „aber besser ein schlechterer Blick, als schlechtes Wasser.“ An den ungewöhnlichen Ferienhäusern oberhalb der Kläranlage schieden sich ja auch die Geister, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu. Doch beides sei ein Zeichen dafür, dass die Halbinsel Scheid endlich aus ihrem langen Dornröschenschlaf erwache und sich weiter entwickle. Das fängt im Kleinen an. Alle Beteiligten setzen darauf, dass die sommerliche Geruchsbelästigung für die Gäste auf der Liegewiese künftig geringer ausfällt als bislang und im Idealfall gar nicht mehr auftritt.
MATTHIAS SCHULDT

Ewigkeitschemikalien

Die Anforderungen an Kläranlagen steigen und steigen, weil mehr und mehr ökologische Schattenseiten von Materialien und Chemikalien zutage treten, die den Alltag der modernen Gesellschaft bequem und sicher gestalten. Den Abbau hormonwirksamer Chemikalien und von Mikroplastik geht die Stadt auf Scheid freiwillig an. Noch keine Antwort hat die Technik bislang auf den Schutz von Umwelt und Mensch vor „Ewigkeitschemikalien“ im Abwasser. So nennen sich Verbindungen, die in der Natur nicht abgebaut werden und sich im Körper anreichern. Sie machen unter anderem Outdoor-Kleidung wasserabweisend und gelangen über Waschmaschinen ins Abwasser.
SU

Dekanter in der Kläranlage

Auf grob 5,6 Millionen Euro bezifferte Bürgermeister Jürgen Vollbracht voriges Jahr die Kosten für die neue Kläranlage. Endgültige Gewissheit kehrt nach Test und Installation der vierten Stufe ein. Die Anlage funktioniert in den ersten drei Stufen nach demselben Grundprinzip wie fast alle öffentlichen Kläranlagen. Bei ihnen durchläuft das Abwasser einen Rechen, der groben Abfall auffängt. Danach gehen die Bakterien als „Belebtschlamm“ in ihrem Becken an die Arbeit. Im Nachklärbecken sinkt der Klärschlamm auf den Grund. Das gereinigte Wasser verlässt die Anlage über einen Überlauf. Ein „SBR-Bioreaktor“ wie auf Scheid fasst Belebtschlamm- und Nachklärbecken in einem einzigen, großen Bassin zusammen. Zwei dieser Reaktoren stehen im Obergeschoss des Neubaus. Dabei kommt das Abwasser nach dem Rechen in einen Mischspeicher. Aluminium (10 Prozent) und Eisen (90 Prozent) werden als „Fällmittel“ beigegeben. Die zwei Elemente heften sich an die Schmutzteilchen und beschweren sie. So bleibt der organische Dreck mit den abbauenden Bakterien am Boden des Bioreaktors, während sich das gereinigte Wasser oben sammelt und mit einem „Dekanter“ abgezogen wird. Die vierte Reinigungsstufe schließt sich an vor dem Abfließen in den Edersee.
SU

2025 WLZ 27. 03.